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INHALTSVERZEICHNIS
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2.2.3 Die Erbbiologen - Wege zur Prohibition

2.2.4  Die Angestellten ‑ Ein neuer Lebensstil

Daß die Prohibition dennoch unterlag, schreibt Fahrenkrug der „zweiten industriellen Revolution“ zu, die zu dem Entstehen einer „neuen Mittelklasse“ führte. Diese war meistens großstädtisch und in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis angestellt, im Gegensatz zur alten, kleinstädtisch‑selbständigen Mittelklasse, die mehr aus Handwerkern und Kleinunternehmern bestand. Für die alte Kleinbourgeoisie waren Werte wie Nüchternheit und ständige Selbstkontrolle existenznotwendig geworden, wollte sie im harten Wettbewerb um Profit überleben. Die neue Mittelklasse dagegen pflegte zunehmend einen Lebensstil des „have fun and a good life“ (Fahrenkrug) und empfand die Werte der alten Mittelklasse als verstaubt und „repressiv puritanisch“ (vgl. Fahrenkrug 1984:173ff).

Nach der Prohibition entstand dann (übrigens unter Mithilfe der nunmehr rehabilitierten Alkoholindustrie!) mit dem ‘Yale Center’ um Elvin Jellinek das Sucht­modell, wie es noch heute Bestand hat: die Schuld am Alkoholismus trägt nicht der Alkohol und auch nicht der Alkoholiker, sondern eine unbekannte Prädisposition zur Suchtkrankheit im betroffenen Individuum (zur Yale School vergleiche Fahrenkrug 1984:205ff; Levine 1982:220ff, 1978:162ff; Keller in Filstead& 1976:20‑25).

Die einmal begonnene Prohibition war zwar bei der Hauptdroge Alkohol sieglos, wurde aber dafür mit der gleichen kämpferischen  Intensität bei anderen Drogen ‑ wie Opiaten, die bisher relativ verschont geblieben waren ‑ weitergeführt, zum Teil auch gegen andere, neu einbezogene Drogen ‑ wie Cannabis ‑ erst aufgenommen.  Der ‘Krieg gegen Drogen’ und für Nüchternheit und Abstinenz konnte so bis heute fortgeführt werden und weicht erst in jüngster Zeit allmählich einer bezüglich seiner Erfolgsaussichten realistischeren Einstellung.

Mit einer Verzögerung durch die Wirtschaftsdepression der 30er Jahre und den zweiten Weltkrieg verstärkte sich die ‘zweite industrielle Revolution’ in den USA noch einmal und schwappte schließlich auch nach Westeuropa und Deutschland über.

Das Motto dieser neuen Angestellten‑Mittelklasse‑Kultur könnte aber nicht nur „Have fun and a good life“ (s.o.) lauten, sondern noch eher „unbeschwert genießen“, wie Spode es treffend formuliert (Spode 1993b:275), in Anspielung wohl auf einen seit den 50er Jahren beliebten Werbeslogan. „Die Ersetzung der Außensteuerung durch Selbststeuerung, die jahrhundertelang und im steigendem Maß das Verhalten der Mittel‑ und Oberschichten charakterisierte, ist nun, in der ‘Mittelstandsgesellschaft’ der Bundesrepublik, einer Mehrheit der Erwachsenen geglückt. Jede Verletzung der Spielregeln ...wird hochsensibel registriert“ (Spode 1993b:275).

Mit der geglückten Selbststeuerung kann, ja muß, die strenge Herrschaft der Nüchternheit etwas gelockert werden, um einem  ‑ auch wirtschaftlich gewünschten ‑ Genußkonsum Platz zu machen, und um die von ständiger Selbstkontrolle gepeinigte Seele des modernen Zivilisationsmenschen etwas zu erleichtern, wie es auch im Sinne der neuartigen Psychologie der neuen Mittelklasse ist, der Freudschen Psychoanalyse (zu dieser Typisierung vgl. Fahrenkrug 1984:175).


Zu den Spielregeln des ‘unbeschwerten Genusses’ gehört aber: keine Beeinträchtigung des ‘guten Lebens’ und der Leistungsfähigkeit ‑ die jenen Wohlstand ermöglicht ‑ durch zu starken oder zu häufigen Konsum von Alkohol oder gar anderen Drogen. Sucht und der damit verbundene Kontrollverlust sind das Schreck­gespenst  ‑ der innere Feind ‑ der Angestelltenkultur geblieben.

„Am Paradigma der Trunksucht wird trotz seiner strukturellen Mängel ‑ die ja gerade eine weitgehende nosologische und ätiologische Beliebigkeit implizieren ‑ unbeirrt festgehalten. Die Tiefendimensionen der Bilder vom Körper und von den Begierden, die zur Entstehung der Sucht um 1800 und ihrer Etablierung um 1900 geführt haben, sind von Bestand. Mehr noch: wir erleben eine Ausbreitung der Sucht auf immer weitere Gruppen und Verhaltensbereiche“ (Spode 1993b:273; vgl. auch 3.3.3).

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3.1.1 Wort und Wurzel