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Buchtipps

Vom Rausch in Orient und Oxident

Schamanismus und archaische Ekstasetechnik

Morphium - Erzählungen und Erinnerungen

Annäherungen - Drogen und Rausch

Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden

Die Macht der Trunkenheit

Das Ritual der Drogen

Rausch und Realität - Drogen im Kulturvergleich






























INHALTSVERZEICHNIS
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2.1.1 Überblick

2.1.2  Antike

Eines der frühesten Beispiele für einen Fall von exzessivem Alkoholkonsum, wird um 3000 v.Chr. aus Ägypten erwähnt: „Auf den Wänden eines der Gräber der Könige von Memphis steht geschrieben:“ (e.Ü., Austin 1985:4) „Seine irdische Wohnstätte war von Wein und Bier gepachtet und zerschlagen worden/ und sein Geist flüchtete, bevor er gerufen wurde“ (e.Ü., SQ Crothers 1911:139).

Der griechische Komödienschreiber Kratinos „wurde im Jahr 424 v.Chr. von seinem jüngeren Konkurrenten Aristophanes ... lächerlich gemacht, weil er ganz unproduktiv geworden sei und, am Durst zugrunde gegangen, als Greis umherirre. Daraufhin raffte sich Kratinos auf und erlangte im folgenden Jahr mit seiner ‘Pytine’ ‑ das bedeutet Weinflasche ‑ den ersten Preis. Er persiflierte sich darin selbst, indem er sich als kraftlos herumtappenden, trunksüchtigen Greis auf die Bühne brachte. Er argumentierte, wenn man Wasser trinke, könne man wohl nichts Vernünftiges hervorbringen“ (Preiser 1982:516).

„Sokrates (469‑399) schätzt das Trinken, mißbilligt aber die Trunkenheit und ist über deren Wirkungen besorgt. ... Er rät den Griechen, sich vor gewohnheitserzeugendem Trinken zu hüten, ... und nicht zu erwarten, gute Freunde in Männern zu finden, die am Weinbecher hängen“ (e.Ü., Austin 1985:21).

„Xenophon preist den Wein als angenehmen Durstlöscher, der Freude und Fröhlichkeit bringt, ..., Sorgen heilt, anregt, der Freundschaften kultiviert, zu Musik, Singen und Tanzen inspiriert und eine wichtige Rolle bei Gastfreundschaft, religiösen  Ritualen und der Volkswirtschaft spielt. Er erkennt aber auch, daß er den Menschen der Kraft berauben, das Erinnerungsvermögen belasten, Wahnsinn erzeugen, den Geist benebeln, Gewalttätigkeit hervorrufen, Bestialität hervorbringen und zum Ruin führen kann“ (e.Ü., Austin 1985:23).

Im dritten Buch der „Problemata physica“ von Aristoteles (wahrscheinlich nur ihm zugeschrieben und um 250 v.Chr. abgefaßt), werden folgende Fragen gestellt: „Warum ist bei Trinkern der Samen meist nicht fruchtbar? Warum zittern die Trinker, und zwar um so stärker, je mehr sie ungemischten Wein trinken?“ (vgl. Preiser 1982:520).

„Alexander der Große ... bekam den Ruf als einer der größten Säufer der Geschichte  ... Er könnte ein selbstzerstörerischer Alkoholiker geworden sein (...), was aber kontrovers diskutiert wird ... Alexanders Vater , König Philipp II., war angeblich täglich betrunken ...“ (e.Ü., Austin 1985:25f).

Nachdem Claudius Kaiser von Rom geworden war (41‑54), „verläßt er kaum noch den Speiseraum ohne betrunken zu sein, und ist jederzeit und überall zum Trinken bereit“. Seines Nachfolgers Nero (54‑68) „alkoholbezogene Eskapaden dauern den ganzen Tag und die ganze Nacht“ (e.Ü., Austin 1985:39). Auch Lewin hält Nero und etliche andere aufgeführte antike Potentaten für „schwere Alkoholiker“ (vgl. Lewin 1927:217f).

„Die eindrucksvollsten Beschreibungen, die sich mit den Auswirkungen chronischer Trunkenheit beschäftigen, stammen von Lucius Annaeus Seneca (4 v.Chr. ‑ 65 n.Chr.) sowie von Gaius Plinius Secundus d.Ä. (23‑79 n.Chr.)“ (Kreutel 1988:45). Plinius meint, daß der Genuß von Wein „mit so viel Reiz verbunden [sei], daß ein großer Teil der Menschen keinen anderen Wert im Leben kenne ... Blässe und ‘herabhängende Wangen’, zitternde Hände,  die volle Becher verschütteten, charakterisieren den Trinker“ (vgl. Kreutel 1988: 46).

Seneca unterschied in seinen „Epistulae“ die Zustände ‘ebrium’ und ‘ebriosum’, was wohl am besten mit ‘Trinkender’ und ‘Trinker’ übersetzbar ist. Bei der gleichen Menge Alkohol sei der erste schon stark betrunken, während der zweite noch fast nüchtern sein könne, womit Seneca das Toleranzphänomen der Stoffwechseladaption umschrieb. Trunkenheit (ebrietatem) sei nichts anderes als „freiwilliger Wahnsinn“ (voluntariam insaniam). Seneca bezeichnet diesen Zustand als „Krankheit“ (morbum), die auftauche,  sobald die ‘übergroße Kraft des Weines’ von ‘der Seele Besitz  ergriffen’ habe (vgl. SQ Seneca 1984: IV,208,214, und Kreutel 1988:47).

Seneca nennt einige Strafen für diese ‘Genußsucht’ (supplicia luxuriae) und beschreibt dabei ein Krankheitsbild, das man heute als Delirium tremens bezeichnet. „Unzählbar außerdem die Arten von Fieberanfällen, die teils mit Ungestüm wüten, teils unter unerheblichem Verderben sich einschleichen, teils mit Schauer und heftigem Schüttelfrost einhergehen“ (SQ Seneca 1984: IV,471).    

Der Beschreibung dieses Krankheitsbildes in der Antike widmet Leibowitz einen kleinen Aufsatz. Es geht um das „Phrenitis“ genannte Fieberdelir, wie es zuerst von Hippokrates beschrieben wird. Ein Symptom dieses Delirs von Fieberkranken sei der ‘Krokydismus’, das Wegzupfen imaginärer Krümel, Häufchen oder Falten in Kleidung oder Bettbezug.

Galen (129‑192, vgl. 1.1.2) zieht einen interessanten Vergleich zwischen Symp­tomen von Phrenitis und Trunkenheit: „Die ersten Symptome viele dieser Krankheiten korrespondieren mit jenen, die manchmal die Trunkenheit charakterisieren“ (e.Ü., cit. in Leibowitz 1967:84). Er beschreibt dann die Symptome des ‘Krokydismus’ sehr genau, wie sie eben auch beim Alkoholdelir auftreten. Interessant ist hier, daß Galen schon meint, Trunkenheit würde manchmal durch Krank­heiten charakterisiert, wenn er auch noch nicht direkt von ‘Krankheit’ spricht.

Der Arzt Cassius Felix, der im 5. Jahrhundert lebte, beschreibt die Phrenitis so: „Frenesis ist ein veränderter Geisteszustand, der mit Fieber einhergeht. Es wird vor allem durch zuviel Hitze verursacht ... oder durch eine Weinvergiftung. ... manchmal kratzen die Kranken kleine Holzstückchen von den Wänden, ... und manchmal brechen sie in unkontrolliertes Gelächter aus oder fallen in große Traurigkeit und Trübsinn“ (e.Ü., cit. in Leibowitz 1967:85). (Eine moderne Beschreibung von Alkoholdelir und Delirium tremens siehe Material: Feuerlein).


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2.1.3 Mittelalter und Neuzeit