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INHALTSVERZEICHNIS
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1.5.1  19.Jahrhundert ‑ Neue Bezeichnung: Opiumsucht

1.5.2  Ausklang ‑ Morphium und Heroin

 Zur Verschärfung des Problembewußtseins trugen gewiß auch Entdeckung und Verbreitung hochkonzentrierter Opiate wie Morphium und Heroin bei. Morphium, das wichtigste Alkaloid des Opiums (vgl. 1.1.1), wurde 1804 (oder 1805) durch den erst 21jährigen Friedrich Wilhelm Sertürner isoliert. Es fand 1818 Aufnahme in das offizielle französische Pharmakopöon, zwei Jahre später in das deutsche (Pharmacopoea Saxonica) und wurde ab 1826 von Heinrich Emanuel Merck in Darmstadt erstmals kommerziell hergestellt ‑ am gleichen Ort wie später das Kokain (vgl. Kreutel 1988:248, zur Entdeckung des Morphiums vgl. Seefelder 1990:185ff).

Anfangs konnte das Morphium jedoch nur oral eingenommen werden. Die Resorption durch die Magenwände ist zwar grundsätzlich möglich, aber sie dauert sehr lange und führt leicht zu Erbrechen (vgl. Geschwinde 1996:241, Kreutel 1988: 250). 1844 machte der Ire Francis Rynd erste Versuche, Neuralgie‑Patienten eine Morphiumlösung unter die Haut zu spritzen. Mit der Erfindung der Injektionsspritze sowohl durch den Schotten Alexander Wood als auch durch den Franzosen Charles Pravaz (‘Pravazspritze’) im gleichen Jahr 1853, nahm die Verbreitung von Morphium einen ungeahnten Aufschwung.

Schon im Krimkrieg 1854 bis 1856 (Türkei, England, Frankreich und Sardinien versus Rußland) wurde die neue Methode intensiv angewandt. In den folgenden Kriegen, „als nach Einführung des Zündnadelgewehrs wesentlich schwerere Verletzungen“ zu behandeln waren (vgl. Kreutel 1988:253), wurden Morphium-Injektionen noch massenhafter appliziert und ließen „eine große Zahl von verwundeten Soldaten zu Morphiumsüchtigen werden“ (Schadewaldt 1972:9). Es waren dies der amerikanische Bürgerkrieg 1861 ‑ 1865, der preußisch‑dänische 1864, der preussisch‑österreichische 1866 und der deutsch‑französische Krieg von 1870/71.

Gerade das Suchtverlangen hoffte man mit einer Injektion zu vermeiden, weil man ‑ in einem fast magischen Denken ‑ vermutete, ein „Hunger“ nach Opium oder Morphium könne nur durch orale Aufnahme ‑ Essen oder Rauchen ‑ entstehen (vgl. Kreutel 1988:250). Dabei wird gerade die Schwere von Suchtverlangen und Entzug durch die stärker und schneller wirksame Einnahmeform  der Injektion gesteigert (vgl. Geschwinde 1996: 241, 260f).

Eduard Levinstein (1831‑1882), Chefarzt am Berliner Maison de Santé, benutzte 1875 als einer der ersten den Begriff ‘Morphiumsucht’. Er definierte sie so: „Die Leidenschaft des Individuums, sich des Morphium als Erregungs‑ oder Genussmittels zu bedienen, da dasselbe unvermögend ist, von dem Mittel ohne Nach­theil für das subjective Wohlbefinden zu lassen, und den Krankheitszustand, der sich durch die missbräuchliche Anwendung des Mittels herausbildet“ (SQ Levinstein 1883:2f).

Levinsteins bekannteste Schrift „Die Morphiumsucht“ erschien 1877 und wurde schon im folgenden Jahr ins Englische („Morbid Craving for Morphia“) und Französische („La morphiomanie“) übersetzt. „Seine Schilderungen des Symp­tom‑Kom-plexes und des Abstinenzsyndroms der Süchtigkeit waren so anschaulich ..., daß sie immer wieder zitiert und im Hinblick auf unser eigenes Jahrhundert allmählich ‘klassisch’ genannt wurden“ (Sonnedecker 1963:901).

Levinstein bezog sich ausdrücklich auf Vorarbeiten der Psychiater Laehr und Fiedler, die ihrerseits die Entwicklung der modernen Psychiatrie, auf die hier aber nicht näher eingegangen werden kann, recht gut wiederspiegeln. Heinrich Laehr (1820‑1905) bezeichnet 1872 die Abhängigkeit nach Morphium „eindeutig nicht als schlech­te Angewohnheit ... sondern als Krankheit“ und glaubt, daß es auch eine „psychische Abhängigkeit“ gibt, und auch, „daß eine gewisse psychische Anspannung oder Schwä­che die Voraussetzung für die Sucht ist“ (Sonnedecker 1963:901). Carl Ludwig Alfred Fiedler hielt 1874 die Morphiumsucht „für eine ganz spezifische Krankheit, für eine Psychose ganz eigener Art“ (A.Fiedler, „Über Morphiumsucht“, Jahresbericht o.O., cit. in Sonnedecker 1963:901).

„1898 führte der verdienstvolle Pharmakologe Heinrich Dreser (1860‑1924) eine schon vorher 1874 von C.R.A. Wright ... dargestellte neue Substanz, Diazetylmorphin, in den Arzneischatz ein“ (Schadewaldt 1972:10). Der Markenname für diese neue Substanz (von Wright Diamorphin genannt) wurde sofort ‘Heroin’, was die heroische, stärkende Wirkung des neuen Mittels unterstreichen sollte. Heroin wird durch „Acetylisierung der aus Rohopium gewonnenen Morphinbase hergestellt ... meist durch Verkochen der Morphinbase mit Essigsäureanhydrid“ (Geschwinde 1996:200).

Dreser arbeitete für die Bayer AG, die schnell eine große Werbekampagne für Heroin startete. Heroin wurde auch zur Behandlung von Opium‑ und Morphiumsucht empfohlen, da es selber nicht süchtig mache. „Obwohl sein gegenüber Morphium erhöhtes Abhängigkeitspotential erstmals 1904 erkannt wurde ...“ (Geschwinde 1996:205), wurde das in der Firma noch einige Jahre bewußt ignoriert und dann verharmlost. Das Geschäft mit Heroin lief einfach zu gut ‑ und dies weltweit (vgl. Völger& 1982: 1054ff; Behr 1984).

Heroin hat eine „im Verhältnis zu Morphin etwa 5‑ bis 10mal stärkere Wirksamkeit“ (Geschwinde 1996:241). „Opium selbst hat aufgrund des Zusammenwirkens der gesamten Alkaloidkombination ... von der isolierten Morphin‑Wirkung in Teilbereichen abweichende Effekte“ (Geschwinde 1996:239, vgl. die Alkaloide des Schlafmohns 1.1.1). Dennoch unterscheiden sich Rauschwirkung und Entzugssymptome der drei Substanzen (Opium, Morphium und Heroin) nicht wesentlich (vgl. Geschwinde 1996:273) und hängen eher von der Konzentration des Morphiumanteils und der Dauer und Ursache der Einnahme ab (vgl. Schlußteil A).

Mit der Entdeckung von Morphium und vor allem Heroin, die stärker wirksam, besser dosierbar und leichter transportierbar sind, erlebte der Opiumkonsum einen allmählichen Niedergang. „Weltweit wurde Mitte des vorigen Jahrhunderts die Zahl der Opiumkonsumenten auf 400 Millionen Menschen geschätzt; diese Zahl dürfte heute erheblich geringer anzusetzen sein: nach Schätzungen der WHO 1986 war weltweit von 1,76 Millionen Opiumkonsumenten auszugehen“ (Ge­schwinde 1996: 203) ‑ 400 Millionen dürfte allerdings ein Druckfehler sein bei einer damaligen Weltbevölkerung von maximal einer Milliarde Menschen; 40 Millionen dürften eher hinkommen ‑ davon allein in China (1878) etwa 20 Millionen (vgl. Kreutel 1988: 95).

Die Zahl der Heroin‑Konsumenten wird heute weltweit auf mehr als 50 Millionen Menschen (ca. 1% der Weltbevölkerung) geschätzt,  in Europa auf etwa 0,5 bis 1,5 Millionen (vgl. Geschwinde 1996:217).


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