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Die Macht der Trunkenheit

Das Ritual der Drogen

Rausch und Realität - Drogen im Kulturvergleich








INHALTSVERZEICHNIS
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3.3.2 Ein Fachbegriff entsteht

3.3.3  Die modernen Dämonen    

In chronologischer Reihenfolge der ersten Erwähnung aufgezählt, entstanden im  früheren 20.Jahrhunderts folgende Suchtwörter: die ‘Paarungssucht’ (1899), ein weiterer Nachfahre der ‘Lustsucht’ (vgl.3.2.2), die ‘Skandalsucht’ (1905), ‘Reklamesucht’ (Kafka, 1922), ‘Sexualsucht’ (1936) und ‘Nikotinsucht’ (1936). In der Wirtschaftswunderzeit der 50er Jahre wurde erstmals ‘Magersucht’ festgestellt (1954). Im Wörterbuch der DDR von 1964 finden sich noch folgende vorher ungenannten Begriffe: die ‘Abenteuersucht’, die ‘Effektsucht’, die ‘Geltungssucht’, die ‘Naschsucht’ und die ‘Profitsucht’ (vgl. Harten 1991:83ff) ‑ alles ‘Überreste bourgeoisen Verhaltens’?

Die krankhaften Süchte weiteten sich im Westen etwa ab 1975 noch einmal stark aus, bis einige Forscher besorgt von einer „Versüchtelung der Gesellschaft“ zu sprechen begannen. Schaef hält bereits über 90% der Bevölkerung für süchtig oder ko‑abhängig (vgl. Schaef 1989), für Schuller und Kleber ist das „heutige System eines ... das den Süchtigen als das normale Gesellschaftsmitglied braucht und produziert“ (Schuller& 1993:7).

Einige der neuen diesbezüglichen Wortschöpfungen sind Arbeitssucht, Beziehungssucht, Fernsehsucht, Konsumsucht, Laufsucht (Joggen), Reisesucht, Rekordsucht, Sensationssucht, Sportsucht. Die jüngste Wortschöpfung ist ‘Onlinesucht’, für die es auch schon Selbsthilfegruppen gibt und von der es heißt: „1,5 Millionen Deutsche sollen inzwischen onlinesüchtig sein“ (Presse Buch News, Heft?/99:17).

Einige ältere Sucht‑Kompositawörter wurden, oft wohl unbewußt, wiederentdeckt: die Spielsucht von 1512, die Eß‑ und Freßsucht von 1796, die Liebessucht von 1572, und die Sexsucht als letzter Nachkomme der Lustsucht von 1577 (vgl. 3.2, Liebessucht 3.1.5).

‘Sucht’ wurde schließlich auch als eigenständiges Substantiv wiederbelebt. „In der Sozialarbeit und in der Psychiatrie gilt ‘Sucht’ heute wieder als Gattungsbegriff für eine Reihe von Krankheiten, die beständig zuzunehmen scheinen“ (Vogt 1991:15).

Es sollte aber nicht der Eindruck entstehen, als wäre diese inflationäre Ausweitung der Süchte und obige Liste lächerlich. Das persönliche Leiden, das hinter diesen modernen Dämonen steckt, ist oft erschreckend. Dennoch soll hier noch einmal, warnend, Spode zitiert werden: „Zu den Strukturmerkmalen des Suchtbegriffs gehört es, unerwünschtes Verhalten beliebig pathologisieren zu können“ (Spode 1993b: 273).

Ob mit einer Ausweitung des Suchtbegriffs mehr Verständnis für die kriminalisierten Rauschmittelabhängigen zu erwarten ist ‑ quasi als neuentdeckte Leidensgenossen ‑ oder doch ein Ausgrenzen in die äußerste Ecke deviant‑pathologi­schen Verhaltens, steht noch dahin. Einige Forscher plädieren in jüngster Zeit ‑ laut Aussage von Professor Happel ‑ auch wieder dafür, den Suchtbegriff wieder einzugrenzen auf Rauschmittel, die Entzugssymptome im engeren Sinne erzeugen können. Daß mit den Rauschmitteln Alkohol und Heroin jedenfalls nicht zu spaßen ist, möge die Beschreibung des Alkohol‑Entzugssyndroms und des Opiat‑Entzugssyndroms im Anhang verdeutlichen (vgl. Material: AES und OES).

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A- Medizin und Devianz