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INHALTSVERZEICHNIS
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3.3.3 Die modernen Dämonen

"So war auch ich von aller Phantasie
Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe
Mit einem Blick in deinen Blick geheilt"

Goethe

A. MEDIZIN UND DEVIANZ  (Opium) 

Wie im Unterkapitel 1.1.1 dargelegt, gab es im antiken Griechenland trotz einer als hoch anzusetzenden Verbreitung von Opium keine Erwähnungen von Entzugserscheinungen oder Warnungen vor einer Opiumabhängigkeit. In Rom (1.1.2) gab es trotz ähnlich hoher Verbreitung einen einzigen Fall (Marc Aurel), in dem ein mildes Entzugssymptom ‑ das der Schlaflosigkeit ‑ beschrieben wurde. Auch die Persönlichkeit des Kaisers, wie sie sich in manchen Tagebucheinträgen zeigt, legt es nahe, hier einen Fall von ‑ noch unbewußter ‑ Opiumabhängigkeit anzunehmen. Im Mittelalter (1.2) gibt es eine geringe Verbreitung und keine Beschreibungen von Entzugserscheinungen, jedoch eine zunehmend negativ gefärbte Einstellung zur Verwendung von Opium, allerdings  eher aus religiös motiviertem Ressentiment.

Dieses Fehlen von beschriebenen Entzugserscheinungen im größten Teil der Geschichte ist von etlichen Autoren bemerkt worden ‑ meistens mit großer Verwunderung. Einige haben sich bemüht, dennoch Suchtsymptome zu konstruieren (Lewin, Seefelder, Kupfer, vgl. alle drei in Material: Diagoras), was sich aber bei näherer Betrachtung als kaum haltbar erweist.

Einige Autoren akzeptieren die Tatsache und versuchen sie zu erklären. So bemerkt der Pharmaziehistoriker Sonnedecker die fehlenden Entzugserscheinungen: „Keiner von diesen [antiken Autoren, die Opium beschreiben] scheint eine klare Vorstellung von der Sucht zu haben“ (Sonnedecker 1963:836, Fußnote) und so „bleibt uns anscheinend nur die Vermutung, daß es die Rauschgiftsucht möglicherweise schon in der Antike gegeben hat“ (Sonnedecker 1963:836).

Seine Erklärung ist, daß es eben „schwierig und langwierig sein kann, die Nebenwirkungen eines Medikaments richtig zu beurteilen“ (Sonnedecker 1963:835). Dazu bemüht er den Vergleich mit Thalidomid (Contergan). Dessen erschreckende Nebenwirkungen waren Anfang der 60er gerade offenbar geworden. Im Gegensatz zum Opium hatte die Erkenntnis über die Gefährlichkeit von Contergan aber nur ein paar Jahre gedauert und nicht ein paar Jahrtausende.

Dennoch scheint an dem Argument etwas dran zu sein. Bei Contergan sind die Nebenwirkungen offensichtlicher gewesen. Ein Syndrom dagegen wie das OES besteht aus mehreren, für sich genommen eher unspezifischen Einzelsymptomen (vgl. Material: AES und OES). Solche sind aber tatsächlich oft erst sehr allmählich von der Medizin zu einem heute gültigen Gesamtsyndrom zusammengefaßt worden.

Wichtiger jedoch scheint, was Professor Junghänel, der erfahrene Chefarzt der Anästhesie‑Abteilung am Bürgerhospital Frankfurt, am 23.6.1999 auf dem Symposium „Staatlich kontrollierte Heroinverschreibung“ bemerkte: daß nämlich das Abhängigkeitspotential von Opiaten und Opioiden bei Schmerzpatienten äußerst gering sei ‑ nach seiner Schätzung würden nur 0,3% der Patienten, die Opia­te oder Opioide erhalten, eine Abhängigkeit danach entwickeln. Er könne jedoch nur für diese Patientengruppe sprechen, keinesfalls für Menschen, ‘die illegal Opiate konsumieren’.

Es könnte also sein, daß ‑ neben der Nutzung von Mohnsamen als Nahrungsmittel ‑ in Griechenland Opium doch nur zu medizinischen Zwecken verwendet wurde, und sich darum nur sehr selten eine Abhängigkeit bildete, etwa wegen negativer Erinnerungen  an eine unangenehme Krankheit. Kritikos erwähnt zwar, daß auch Aphrodite mit Mohnkapseln bekränzt dargestellt wurde, und er darum auch die Verwendung von Opium als euphorisierendes Rauschmittel für wahrscheinlich hält (vgl. Kritikos& 1967:10). Vielleicht geschah das auch in einem Sinne, wie es Blum aus Indien beschreibt ‑ als gelegentliches Extra‑Stimulans bei Hochzeitsfesten, bei religiösen Hindu‑Ritualen und Begräbnissen (vgl. Blum 1970:47).

Auf jeden Fall blieb ein solcher möglicher Opiumgebrauch in Griechenland und Rom in soziale Formen eingebettet, und zudem selten, sonst wäre Opium als Rausch­mittel beschrieben worden, wie es beim Wein zur Genüge geschah.

Ebenso interessant ist die Erklärung von Hess (1971), der in seinem Aufsatz die Geschichte von Opiaten in Bezug auf die Devianztheorie untersucht. Ein Kapitel seines Aufsatzes betitelt er mit „The Enigma“ ‑ „Das Rätsel“ (fehlender Sucht) ‑ und meint darin, daß (Opium‑)Sucht vor einer Definition des Begriffs einfach seltener war, weil die Konsumenten gar nicht wußten, daß es ein solches Phänomen gab (vgl. Material: Hess).

Vermutlich liegt eines der Hauptprobleme von Rauschmittelsucht in der Verfestigung der Rolle des sozialen Abweichens: der Devianz. Die Bemerkungen, die der erfahrene Psychiater Pfeiffer dazu unter anderem von einer Asienreise macht, sind dazu unbedingt beachtenswert, für den Schlußteil nur etwas zu  umfangreich (vgl. Material: Pfeiffer!).

Wenn dieses deviante Verhalten noch gar nicht als solches definiert ist, blieben nur das persönliche Leiden des Opiumkonsumenten bei beginnendem Entzug oder nach jahrelangem Abusus, falls ‑ wie es manchmal  zu geschehen scheint (vgl. De Quincey 1985) ‑ die positive Rauschwirkung umkippen sollte. Als gesellschaftliches Problem waren Opiate jedenfalls nicht vor unserem Jahrhundert relevant, in China allerdings schon ein Jahrhundert zuvor (vgl. Blum 1970:47f).

Was nun die ersten Beschreibungen von offenbar gleich massenhafter Opiumsucht im Orient angeht, so will ich folgendes dazu bemerken.

Die islamische Kultur war ‑ besonders in ihrer Hochblüte bis etwa 1300 ‑ mitnichten eine finstere und rückständige (vgl. 1.2.1). Im Orient blühten die Städte, die damals  die größten der Welt waren. Der durch regen Fernhandel erworbene Wohlstand mehrte das zahlreiche islamische Bürgertum, das mit Kaufleuten, Ärzten, Handwerkern usw. eine ähnlich dynamische Rolle spielte wie in Europa einige Jahrhunderte später.

 Auch der Prophet Mohammed, der den Islam begründete, war im Hauptberuf ein ‑ Kaufmann, der mit seinen Karawanen einen umfangreichen Fernhandel betrieb und in scharfer Konkurrenz zu anderen Kaufleuten aus Mekka stand. Wie bekannt, gibt es im Koran auch ein strenges Weinverbot, vielleicht ein Beispiel für die erste ‘bürgerliche’ Prohibition. Die Auslegung des koranischen Weinverbots ging bereits sehr früh dahin, Rausch und Rauschmittelkonsum generell als unerwünscht anzusehen, auch den von anderen Drogen als Alkohol (vgl. Gelpke 1995). Die islamische Vorstellung von Gott setzt ein hohes Abstraktionsvermögen voraus, ist von einer strengen und schönen Klarheit beseelt ‑ nicht umsonst war das wohl bedeutendste Geschenk des Islam an Europa die Algebra (al‑gebra) und die Erfindung der Null.

Der orientalische Rauschmittelkonsument wußte also sehr wohl um seine Devianz! Die orientalische Gesellschaft war jedoch sehr stark individualisiert (vgl. die  Ausführungen von Herrn Dozent Thoma zur ‘orientalischen Stadt’, VA Stadtplanung, WS 98/99). Die orientalische Stadt war, und ist oft noch, wie ein organisches Ganzes aus einzelnen, unabhängigen ‘Kristallen’ gebildet, die Häuser gleich kleinen Festungen, und dennoch miteinander verzahnt.

Es scheint sich also bei der Devianz des orientalischen Rauschmittelkonsumenten mehr um eine individuell seelische Devianz (im Verhältnis zu Gott und in einem Verstoß gegen das Gebot des Koran) als um eine soziale Devianz im modernen Sinne gehandelt zu haben. Insofern scheint die islamische Kultur jener Zeit von stärkerer Toleranz geprägt gewesen zu sein als unsere Moderne. Vielleicht darum scheinen die Abhängigkeitssymptome eher von den westlichen Reisenden jener Zeit ‑ die fast alle dem europäischen Bürgertum angehörten ‑ als von den orientalischen Gesellschaften selber wahrgenommen worden zu sein (vgl. 1.3.2 und An­wari‑Alhosseini 1982).

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