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INHALTSVERZEICHNIS
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 1.4.1  16. Jahrhundert - Gelobtes Laudanum

1.4.2  17.Jahrhundert ‑ Enthusiasmus und Vorsicht

„Opium wurde im 17.Jahrhundert von den Ärzten großzügiger verschrieben und mit weniger Vorbehalt als im Jahrhundert zuvor“ (Kreutel 1988:138). Die Ärzte wollten es aber zumeist nicht in der ‘Hand des Unerfahrenen’ sehen. So Georg Wolfgang Wedel (1645-1721), Professor der Medizin in Jena und Verfasser des Standardwerks „Opiologia“: „Ein heiliger Lebensanker ist Opium für die, die es gut und umsichtig anwenden: dennoch ist es der Nachen des Charon in der Hand des Unerfahrenen und wie ein Schwert in der Hand des Wahnsinnigen. Man muß sich davor hüten, daß die Narkotika nicht zu Nekrotika werden“ (SQ Wedel 1674:141, übers. aus dem Lat. von Kreutel 1988:129).

Für Thomas Bartholin (1616‑1680), Professor der Medizin in Kopenhagen, gilt Opium nur als schädlich, wenn eine „schlechte Gewohnheit“ vorliegt. „Groß ist auch die Macht der Gewohnheit“ („Consuetudinis quoq; magna est vis“). Der Gebrauch des Opiums ohne „gewissenhafte Vorsicht“ sei von Übel und bringe „gefährliche Symptome“ mit sich. Er nennt als Beispiel für eine Gewöhnung den Fall einer Frau aus Kopenhagen, die „ohne die tägliche Einnahme von Opium nicht mehr leben könne“ („sine quotidiano Opii, ... usu vivere non potest ...“). Sie hatte körnchenweise damit angefangen und die Dosis allmählich bis zu einer Drachme (=ca. 3,7 Gramm) gesteigert. (Vgl. SQ Bartholin 1675: II,50f, Übers. aus dem Lat. v. Kreutel 1988: 142).

Der Arzt, Apotheker und Chemielehrer Nicolas Lémery (1645-1715) schätzt Opium als eines der „größten Mittel“ und glaubt, seine Anwendung berge keinerlei Gefahren in sich, wenn es nur „an seinem Ort, zu gehöriger Zeit“ und in einer vernünftigen Dosierung gegeben wird. Aber auch Lémery berichtet, daß sich viele Menschen derart an das Opium gewöhnt haben, „daß sie von dessen Gebrauch nicht mehr schläfrig würden, außer sie nehmen“ eine vielfache Dosis. (Vgl. SQ Lémery 1726:214 und 219, sowie Kreutel 1988:143).

Auch im 17.Jahrhundert gab es einen enthusiastischen Verehrer des Opiums unter den Ärzten: den Engländer Thomas Sydenham (1624‑1689). Er schreibt: „Und fürwahr unterlasse ich es nie unserem Schöpfer zu danken und zu frohlocken, daß er durch seine Vorsicht eine so kräftige und dem menschlichen Geschlechte wider die meisten Uebel wirksame Arznei zum größten Trost der Leidenden verliehen hat ... wer es gehörig anwendet, wird mehr anrichten, als man von einem einzigen Mittel hoffen sollte ...“ (SQ Sydenham 1838: I,196).

Sydenham war auch Hersteller eines eigenen Laudanum und seine enthusiastische Werbung tat ihre Wirkung: das „Laudanum Sydenhamii“ blieb für Jahrhunderte das Opiumpräparat mit der „größten Beliebtheit“, in Deutschland war es bis 1926 offizielles Opium‑ Arzneimittel (vgl. Kreutel 1988:110). „Sydenham schrieb von seinem Laudanum, daß er es täglich gebrauche“, jedoch beteuert er, „nie den geringsten Schaden bei einer mehrfachen Anwendung beobachtet“ zu haben, und er will „nie eine Suchtgefahr bemerkt haben“. Dennoch rät auch er zu einem „intermittierenden  anstelle eines kontinuierlichen Gebrauchs“ (vgl. Kreutel 1988:135ff).

Die Toleranzwirkung kannte Sydenham wohl (vgl. Kreutel 1988:136), ebenso wie Bontekoe (eigentlich Cornelius Dekker, 1647‑1685), der Leibarzt des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg. Bontekoe war ein großer Propagandist für Kaffee, Tee, Schokolade, Tabak, („muß man auch täglich“ nehmen)  – und auch für Opium. Er würde einige Leute kennen, die „weit über ein Drachma (3,75g) ... nicht allein ohne allen Schaden“, sondern sogar mit dem „grösten Vortheil“ gebrauchten. Anstatt über das Opium zu lästern, sollte man Gott danken für ein so herrliches Gewächs von „unzehlbaren Tugenden“. Die Ärzte, die das Opium nicht gebrauchten und anderen davon abrieten, nennt er „Hencker und Mörder“ (vgl. SQ Bontekoe 1685:390ff).

Mit Alkohol ist Bontekoe kritischer. Ja, er bezeichnet die „Trunckenheit“ in einem eigenen Kapitel sogar schon als „Krankheit“ und Ursache vieler anderer Gebrechen. Einige gewöhnen sich so sehr an den Trunk  und befinden sich so lange unwohl, „bis die Seele was naß gemachet worden“. Zwar empfinden sie davon einige Zeit keinen Schaden, doch irgendwann müssen sie alles entgelten. (Vgl. SQ Bontekoe 1685: 198‑208). Bei Opium dagegen käme es nur bei unmäßigem Gebrauch zu einer „bösen Gewohnheit“. So nennt er einen Baron, der täglich über 4 Gramm Opium zu sich nehmen müsse (vgl. Kreutel 1988:140f).



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