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INHALTSVERZEICHNIS
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 1.4.2  17. Jahrhundert - Enthusiasmus und Vorsicht

1.4.3  Das 18.Jahrhundert ‑ Deutliche Entzugserscheinungen

Der Opiumgebrauch erlebte „im 18.Jahrhundert noch einen weiteren  Aufschwung, sowohl was die Häufigkeit der Verschreibung als auch den Beliebtheitsgrad als Arzneimittel betraf. Wie nie zuvor wurden jetzt auch die Beobachtungen der Opiumwirkungen in Bezug auf Mißbrauch so deutlich wahrgenommen und so zutreffend formuliert“ (Kreutel 1988:158). Die eindrucksvollsten Zeugnisse stammen dabei von Autoren, die wahrscheinlich selbst opiumabhängig waren. „... Der entscheidende Schritt von der bloßen Beschreibung der Symptome hin zur Er­kenntnis ihrer Bedeutung für den Betroffenen ...“ wurde aber noch nicht vollzogen; Parallelen zu Alkohol wurden durchaus gezogen und erkannt, „daß von beiden nach langem und zu üppigem Gebrauch schwer loszukommen ist“, aber: „In beiden Fällen wurde ... der Mißbrauch lediglich einer ‘schlechten Gewohnheit’ zugeschrieben“ (vgl. Kreutel 1988:159f).

Einer der opiumabhängigen Autoren des 18.Jahrhunderts war John Jones, ein Brite, „der Arzt war oder vorgab, es zu sein“, wie Seefelder abschätzig meint (vgl. Seefelder 1990:133). Im Jahre 1700 erschien in London sein Buch „The mysteries of opium reveal’d“. Noch überschwenglicher und kritikloser als Sydenham pries er darin Opium als ein Wundermittel an: „Krankheiten wird es lösen, wie Feuer den Schnee löst“. Opium sei aber auch die „allerbeste und außergewöhnlichste Erfrischung des Geistes“, und bewirke unter anderem ein „äußerst angenehmes, wohltuend charmierendes Gefühl in der Magengegend“, sichere auch Eigenschaften wie „Schlagfertigkeit“, „gute Laune“, „Aufgewecktheit“, „Euphorie“, „Überlegenheit“, „Seelenruhe“, „Selbstsicherheit“, „Mut“, „Großherzigkeit“ (vgl. SQ Jones 1700: 20f, 88, 255, 322).

Ebenso treffend wie die positiven Wirkungen beschreibt Jones aber auch das  Opi­um‑Entzugssyndrom, und widmet ihm ganz vorne in seinem Buch ein Extra-Kapitel mit der Überschrift „Die Folgen eines plötzlichen Entzuges des Opiums nach langem und reichlichem Gebrauch“: „Schwere und sogar unerträgliche Qualen, Ängste, und Niedergeschlagenheit der Lebensgeister, die nach wenigen Tagen gemeinhin in einem elenden Tod enden, begleitet von seltsamen Agonien, es sei denn, die Betroffenen kehren zum Opiumgebrauch zurück; das wird sie bald wieder aufrichten und sicherlich wiederherstellen“ (e.Ü., SQ Jones 1700:32).

Insgesamt jedoch sieht Jones „... keinen Grund zur Beunruhigung oder gar zur Zurückhaltung beim Gebrauch. ... Man müsse sich eben, was die Opiumwirkung betreffe, mit offensichtlichen Widersprüchen abfinden“ (Kreutel 1988:164, vgl. SQ Jones 1700:32). Jones’ Buch hat viele Menschen fasziniert. „Wie viele Menschen aus der breiten Masse der Bevölkerung durch Jones’ Lobeshymne zum Opiumgenuß verführt wurden, läßt sich nur schwer abschätzen“. Sein Buch wurde jedenfalls „zu seiner Zeit weder verdammt noch moralisch mißbilligt“ (vgl. Kreutel 1988:166).

Im 18. Jahrhundert wurde auch erstmals eine „Abnahme der geistigen Leistungen“ befürchtet (so der selbst opiumabhängige Schweizer Arzt und Frühromantiker Albrecht von Haller, 1708-1777; vgl. Kreutel 1988:168f). George Young, ein sonst sehr genau beobachtender Arzt aus Edinburgh, schrieb 1753, daß Opiumkonsumenten allmählich zu Sklaven der Droge würden: „Sie stöhnen und kämpfen unter ihrem Einfluß jede Nacht, und bei Tag ist ihr Kopf verwirrt.“ Sterben würden sie dann größtenteils als „Unsinnige“ (vgl. SQ Young 1753:98f).

Für die Zeit der Aufklärung muß das wahrhaft eine grauenhafte Vorstellung gewesen sein. Und doch hatten auch Berühmtheiten der Aufklärung mit Opium zu tun. Louis Lewin berichtet etwa: „In einem Zeitungsblatt vom Juni 1778 fand ich die folgende Mitteilung aus Paris: ‘Endlich ist der alte Philosoph und Dichter Herr von Voltaire am Sonnabend den 30sten Mai des Abends um 11 Uhr und zwar an den Folgen seiner Unvorsichtigkeit, weil er auf einmal zuviel Opium eingenommen, verstorben.’„ (Lewin 1920:88).

Der bedeutende Romanist Werner Krauss fand heraus: „Es scheint,  daß Voltaire beide Anregungsmittel [Opium und Kaffee] lebenslänglich gebrauchte und eine Hyperdosis von Opium seinen Tod verschuldete“ (Krauss 1990:547).

„Im 18.Jahrhundert wurde der beständige Gebrauch der Droge  nur von wenigen Personen als lasterhaft und gefährlich angesehen“ (Krauss 1990:547). Der bekannte Empirist La Mettrie rühmt im ‘Anti‑Sénèque’ ihre euphorisierende Wirkung: „Welches Wunder bewerkstelligt nicht ein einzelnes Gramm dieses narkotischen Saftes, wenn er ins Blut und mit ihm in die Gefäße gelangt! Durch welchen Zauber bereitet er uns mehr Glück als alle philosophischen Traktate zusammen! Welch glückliches Los würde den treffen, der sich sein ganzes Leben lang in dem Zustand befände, in den er gelangt, solange dieses göttliche Mittel in ihm wirkt!“ (cit.in Krauss 1990: 547). (Über die Meinung, die Immanuel Kant zu Opium und Branntwein hatte, siehe Material: Kant).

„Einer der fanatischsten Verehrer des Opiums war der ...[schottische Mediziner]  John Brown (1735‑1788), dessen Lehre, der Brownianismus, zwischen 1795 und 1815 besonders im deutschsprachigen Raum außergewöhnlichen Widerhall fand“ (Kreu­tel 1988:193). Auch er war, wie der oben erwähnte La Mettrie, ein Empiriker, ein allerdings seltsam romantisch gefärbter früher Behaviourist, der sein System ganz  auf äußere und innere Reize und Reaktionen (‘Erregungen’) darauf stellte.

Er hatte die letzten Jahre seines Lebens Opium „ständig“ gegen seine Gichtschmerzen gebraucht. „Es liegt der Verdacht nahe, daß er ... dem Opium verfallen war“ (Kreutel 1988:195). Jedenfalls machte er „Opium zum meistgebrauchten ‘Reiz’‑Mittel in seinem Therapiekonzept“ (vgl. Kreutel 1988:196) „Die Verbreitung der Brownschen Lehre und die Übernahme seines Therapieschemas führte zu einer Ausweitung der Verschreibung von Opium wie nie zuvor. ... Angesichts dieses unbestreitbaren ‘Opium‑ Booms’ verwundert es um so mehr, daß kaum ein Brownia­ner von  einer Gewöhnung an Opium berichtete oder gar Bedenken äußerte“ (Kreutel 1988:198). Dazu zwei Beispiele von begeisterten ärztlichen Anhängern der Brown­schen Opium‑Reiztherapie im deutschsprachigen Raum.

Adalbert Marcus (1753‑1816), Arzt am Bamberger Krankenhaus, schildert „einen eindeutigen Fall von Opiumgewöhnung und ‑abhängigkeit, doch scheint ihm dies ein unbedeutender Einzelfall unter ‘Hunderten’ von Therapiefällen“ (Kreu­tel 1988:199). Joseph Frank (1771‑1832), Arzt am Wiener Allgemeinen Kran­kenhaus seit 1796, „spricht ganz klar von der Möglichkeit einer Gewöhnung an das Opium auch beim Europäer“ und von Dosissteigerungen bis zu fast acht Gramm pro Einnahme, „doch sieht er in dieser Tatsache keinerlei Grund zur Beunruhi­gung“ (vgl. Kreutel 1988: 199).



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