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Das Ritual der Drogen

Rausch und Realität - Drogen im Kulturvergleich









INHALTSVERZEICHNIS
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3.3.1 Romantik, Sehnsucht und Suchen

3.3.2  Ein Fachbegriff entsteht    

Die Büchse der Pandora des modernen Suchtbegriffs war also (mit Brühl‑ Cram­er und Hufeland) geöffnet worden, aus der dann immer mehr Süchte quellen sollten. Zuerst waren es nur Rauschmittelsüchte, dann aber auch ‘nicht‑substan­tielle’, denen aber eines gemeinsam war: eine selbstzerstörerische Krankheit zwang­haften Verlangens. Den Anfang nahm es, wie gesagt, mit der ‘Trunksucht’ 1819 (vgl. 2.2.2), es folgten ‘Opiumsucht’ 1829 (vgl. 1.5.1), ‘Morphiumsucht’ 1875 (vgl. 1.5.2), usw.

Sucht wurde „eine Art medizinisch‑sozialwissenschaftlicher Fachbegriff“ (Vogt 1991:15), der auch in der Alltagssprache immer mehr verwendet wurde. Ver­gleicht man einmal alle bisher erschienenen Ausgaben des vielbändigen Brock­haus‑Lexikons, so fällt auf, daß es 1836 noch keinen Eintrag unter ‘Sucht’ gab. In der 14.  Auflage 1895 wurde damit nur die „Hundekrankheit: Staupe“ bezeichnet. In der 15.Aufla­ge 1934 wurden dann neben Ruhmsucht auch schon sechs Rauschmittelsüchte genannt, auf etwa acht Zeilen. In der nächsten Auflage 1957 bekommt der Begriff dann etwa zwei Drittel einer Spalte an Raum, in der 17. Auflage 1973 eine ganze Spalte. In der 19.Auflage 1993 ist aus ‘Sucht’ einer der sieben „Schlüsselbegriffe“ des Bandes geworden und er bekommt ganze fünf Spalten gewidmet. Detailliert wird nun zwischen „stoffgebundenen Abhängigkeiten“ von ‘illegalen’ und ‘legalen Drogen’ und von „stoffungebundenen Verhaltensstörungen“ unterschieden (vgl. Brock­haus div.Jg.: unter ‘Sucht’).

Die Entwicklung dieser ‘Art wissenschaftlichen Begriffs’ soll aus mehreren Gründen hier nicht näher erörtert werden, wie schon in der Einleitung erwähnt. Zusammenfassend aber noch ein Zitat von Spode:

„Legt man die strengen (wissenschaftstheoretischen) Maßstäbe Kuhns an, war die Erforschung der Trunksucht niemals in das ‘Stadium der Reife’ eingetreten. Anstelle eines ätiologischen Fundaments wies das Paradigma eine Leerstelle auf, die mit Anleihen aus anderen Disziplinen gefüllt werden mußte. Typisch für die nun fast zwei Jahrhunderte währende Geschichte der Suchtforschung ist ... die Tendenzlosigkeit, das stete, teils unbewußte Nebeneinander disparater psychologischer, ökonomischer, sozialer, biologischer und physiologischer Hypothesen, von denen keine längerfristig ein allgemein anerkanntes Lösungsmodell begründen konnte. ... Seit Hufeland ist man den ‘Rätseln’ der Sucht kaum einen Schritt näher gekommen, alte Gedanken tauchen im neuen Gewand auf, man dreht sich im Kreis. Wenn sich denn eine klare Tendenz der Suchtforschung ausmachen läßt, dann dürfte sie am ehesten in ihrem ‑ Expansionismus zu finden sein: in der Ausweitung des Suchtbegriffs auf immer weitere Verhaltensbereiche, die in einem seltsamen Kontrast steht zur permanenten ‘Krise’ des Paradigmas.“
(Spode 1993b:144).

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3.3.3 Die modernen Dämonen