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Das Ritual der Drogen

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INHALTSVERZEICHNIS
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3.1.4 Kleiner europäischer Sprachvergleich

3.1.5  Nebenbedeutung Gemütskrankheiten 

Mit Sucht wurden allerdings auch schon in alter Zeit einige Gemütskrankheiten bezeichnet, die ja auch auf keine äußeren Verletzungen zurückzuführen waren und auch sonst gut in die Krankheitsvorstellung von der dämonischen Besessenheit paßten. Daß auch Gemütskrankheiten mit ‘Sucht’ bezeichnet wurden, dürfte die Übernahme des Wortes für sündhaft‑lasterartige Zustände erleichtert haben. Diese Zustände waren ja auch geistig‑seelischer Natur, ebenso wie dies auf die Rauschmittel‑Sucht nach dem zweiten Bedeutungswandel zutrifft.

An alten, schon vor 1250 bezeugten Gemütskrankheiten tauchen vor allem die Mondsucht, die Tobsucht und die Sehnsucht auf. Alle drei haben die Zeiten nahezu unverändert in ihrer Bedeutung bis heute überdauert. ‘Mondsucht’ (vgl. Grimm 1885: XII,2221f)  bezeichnete nicht nur den Somnambulismus (Diefenbach 1470), sondern ‑ wie noch heute im englischen ‘lunatic, lunacy’ erkennbar ‑ eigentlich alle psychischen Erkrankungen, vor allem jene mit Zuständen geistiger Abwesenheit (vgl. auch Harten 1991:92; Rieger 1905:28f). Vergleichbar bezeichnete die Tobsucht psychische Erkrankungen mit destruktiv‑aggressiver Tendenz.   

Die ‘Sehnsucht’ bezeichnete eigentlich das schmerzliche Verlangen, die ‘Krankheit’ des noch nicht erfolgreichen Verliebten, so etwa bei Walter von der Vogelweide um 1200 (‘seneder sühte’). Sehnsucht ist wie sehnen ein „dem deutschen vor den übrigen germanischen sprachen eigentümliches wort, charakteristisch für das deutsche gemütsleben“ (Grimm 1905: XVI,151).

Weitere Gemütskrankheiten, die das deutsche Mittelalter kannte,  waren die Schlafsucht ‑ „Somnolenz“ (Lexner 1420), „übergroße, krankhafte Neigung zu schlafen“ (Harten 1991:96) ‑ sowie die Schwarzsucht, die neben der körperlichen Krankheit Melanose auch den tiefen seelischen Pessimismus bezeichnet, wie er bei Depressionen anzutreffen ist.

Auch später wurden noch einige wenige Gemütserkrankungen mit dem Beiwort ‘Sucht’ belegt. Im Vorgriff auf das folgende Unterkapitel sollen noch die offensichtlich für die frühe Neuzeit typischen Gemütskrankheiten genannt werden, jeweils mit dem Datum der ersten Erwähnung in Klammern. Dieses System wird auch im folgenden Unterkapitel der Einfachheit halber angewandt. Die Jahreszahlen der ersten Erwähnung stammen aus Grimms Wörterbuch, 1854‑1971 erschienen, oder aus Harten 1990:83ff, vergleiche also dort unter dem jeweiligen Stichwort!

Die in der frühen Neuzeit geprägten Sucht‑Gemütserkrankungen waren also die Liebessucht (1572), die Milzsucht (Hypochondrie, bei Rieger 1905:27 als ‘Spleen’ bezeichnet), die Zweifelsucht (1605), dazu verwandt die Grübelsucht (1669). Auch die Starrsucht (Katalepsie) ist wohl eine ältere Prägung.

Dann fanden die Neuprägungen für Sucht‑Kompositawörter, die Gemütserkrankungen bezeichnen, ein Ende, sieht man vom seltenen ‘Diebssucht’ für Kleptomanie ab (1899 das erstemal erwähnt, aber vielleicht schon früher geprägt).

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3.2.1 Die Wende zur Neuzeit