Auswahl



Linkliste

Traumdeutung

Ortsfamilienbuch Reicholzheim

Buchtipps

Vom Rausch in Orient und Oxident

Schamanismus und archaische Ekstasetechnik

Morphium - Erzählungen und Erinnerungen

Annäherungen - Drogen und Rausch

Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden

Die Macht der Trunkenheit

Das Ritual der Drogen

Rausch und Realität - Drogen im Kulturvergleich

































INHALTSVERZEICHNIS
<<< vorheriges Kapitel:
3.2.1 Die Wende zur Neuzeit

3.2.2  Geld, Blut und Lust 


Zu Beginn der Neuzeit kam es, wie schon mehrfach erwähnt, zu einem Bedeutungswandel des Wortes Sucht, weg von der alten Bedeutung als Krankheit und hin zu einer mehr moralischen Kategorie von Laster, Sünde oder Gier.

Die Macht des Bürgertums bildete sich allmählich zwischen den bisherigen Machtpolen Adel und Klerus aus. Adel und Klerus sahen die aufstrebende, auf Kalkulation und Profitdenken begründete neue Macht natürlich mit Argwohn. Das Bürgertum selbst war ja auch noch eingebunden in die Normen von Reich und Religion ‑ war ihr Kind ‑ und mußte sich erst allmählich daraus emanzipieren. Es hatte noch mit Schuldgefühlen ob der eigenen, weder christlichen noch edlen Motive zu kämpfen.

So wundert es nicht, daß dem Bürgertum ganz eigene Sucht‑Dämonen entstanden, so etwa die Geldsucht (1520), die Gewinnsucht (1537), die Vorteilssucht (1657) und die Raffsucht (1679). Geld‑ und Gewinnsucht waren wohl die am häufigsten erwähnten aller Suchten der frühen Neuzeit. Grimm widmet ihnen mit jeweils mehreren Seiten jedenfalls den meisten Raum aller Sucht‑Kompositawörter ein (vgl. Grimm 1897: V,2924ff und 1911: VI,6093ff). Die Gewinnsucht lehnte sich sprachlich schon eng an ‘suchen’ an (vgl. Grimm 1911: VI,6093 und 3.3.2 hier).

Die Geldsucht wurde das erstemal bei Luther erwähnt, der in seinem Brief ‘an den deutschen Adel’ 1520 über den „bapst ... in seinen geltsuchtigen, tyrannischen gesetzen“ herzieht. Interessant ist auch eine Stelle in Johann Agricolas ‘Sprichwörtern’ (1560), wo er schreibt: „es seind vil sucht, ... die schwindsucht ... die geelsucht ... die geltsucht, die weinsucht, die biersucht“ (beide Zitate vgl. Grimm 1897: V,2924).

Aber auch die Bettelsucht (1565) und die Stehlsucht (1606) zeigten die neue Macht des Geldes an und waren für das Bürgertum ganz reale Dämonen. In die Gruppe der Geld‑ und Gewinnsüchte gehören auch noch die etwas allgemeinere Habsucht (1756), die etwas moderner klingende Erwerbssucht (1839) und die Profitsucht (erstmals 1964 im DDR‑Wörterbuch erwähnt).

Dies blieb also ein bis heute durchgängiges Thema, genauso wie sich die Trieb­kraft des Bürgertums, das auf nüchterner Kalkulation beruhende Profitstreben, immer stärker ausbildete.

 Die nüchterne Kalkulation durfte nicht von zu viel Emotion gestört werden ‑ Selbstbeherrschung und eine internalisierte Selbstkontrolle waren nun gefragt, vor allem in der ‘neuen Freiheit’ der wachsenden Städte. Das Bürgertum war zudem  bestrebt, sich an die zunehend verfeinernden Adelssitten etwas anzupassen, um nicht primitiver Bäurischkeit bezichtigt zu werden (vgl. etwa Spode 1993b: 55ff).

Ein erstes Ziel der Selbstkontrolle waren aggressive Impulse. So entstanden wohl Worte wie Blutsucht (1520), Rachsucht (1520), Zanksucht (1562), Tadelsucht (1586). Auch Scheelsucht (=Neid, 1678), Herrschsucht (1719), Schmäh­sucht (1748) und Ränkesucht (1796) können in diese Reihe gestellt werden.

Natürlich mußten im Rahmen der verinnerlichten Selbstkontrolle auch sexuelle Impulse gedämpft werden ‑ laut Freud ist die Sublimation des Eros‑Triebs sogar Grundvoraussetzung für Zivilisation. Vor allem die bürgerliche Frau durfte nicht durch zu starke Triebwünsche auffallen, die in der neuen Freiheit der Städte leichter verwirklichbar waren. So entstand die ‘Bubensucht’ (Sucht nach Buben oder Nym-phomanie), welches Wort zuerst Hans Sachs benutzte, um 1550. Die ‘Lustsucht’ (1577) mahnte beide Geschlechter zum Verzicht, die ‘Hurensucht’ (1680) wandte sich eher an Männer. Die ‘Geilsucht’ wurde laut Harten 1713 das erstemal erwähnt, das Wort existierte vielleicht schon früher. Ein Nachfolger der Bubensucht ist auch die ‘Mannsucht’ (1780).

>>> nächstes Kapitel:
3.2.3 Würfelspiel, Fressen, Saufen