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INHALTSVERZEICHNIS
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3.1.1 Wort und Wurzel

3.1.2  Der magisch‑dämonische Charakter des Wortes

 Kann man Sucht also als Oberbegriff für alle Krankheiten verstehen, bei denen einem die Lebenskraft ausgesaugt wird?

Die Erklärung von Lid ist jedenfalls aus mehreren Gründen plausibel. Einmal hat unsere eher rationale Zeit vergessen, wie stark in vorwissenschaftlicher Zeit jegliche Krank­heit als eine „lebendige Wesenheit“, als eine „Erscheinungsform dämonischer Mächte“ vorgestellt wurde (vgl. dazu ausführlich Grimm 1942: XX,861ff; auch Harten 1991:37ff).

Grimm führt dazu etliche Zitate aus dem Althochdeutschen an, die bis zu einer „voll durchgeführten Verlebendigung“ der ‘suht’ gehen. Noch in der mittelhochdeutschen Zeit schrieb Otto von Freising (1184‑1220) in seinem „Laubacher Barlaam“: „Die tievel sie vertríbent, die sühte niht belíbent“ (= Die Teufel sie vertreiben, die Süchte nicht bleiben, cit. in Grimm 1942: XX,861).

Im Volksglauben wurden noch bis in die jüngste Zeit Krankheiten als etwas „von außen her Eindringendes“ vorgestellt (vgl. Grimm 1942: XX,861), verursacht von Dämonen bzw. Elben, denen man auch oft gute Taten nachsagte (vgl. Harten 1991:37ff). „Die  meisten primitiven Völker führen die Erkrankungen aller Art nicht auf physische ... Ursachen zurück, sondern auf Eingriffe von dämonischen Wesen ... Ein anderer Grund des Krankheitsdämonismus liegt im Alptraum“. Der Elb oder „Alp drückt nicht nur, er  s a u g t   auch“ (so gesperrt gedruckt, vgl. Hoffmann‑ Krayer 1927/30: I,293 und II,153).

Im magischen Weltverständnis liegt es auch, Gleichem mit Gleichem zu begegnen. Eliade weiß: „Wenn die Schamanen die Ursache der Krankheit entdeckt haben, ziehen sie die magischen Objekte durch Saugen heraus“, und: „Saugen und Extraktion des pathogenen Gegenstandes bleiben immer religiös‑magische Operationen“ (Eliade  1975:289 und 317).

Lids Deutung läßt sich auch durch Folgendes stützen: Kluge, der auch die Seemannssprache untersuchte (Halle 1911), und Grimm (1942: XX,895) erwähnen eine Nebenbedeutung von Sucht, die nur an der Ostseeküste verbreitet ist: „saugende Strömung im Meer“ (Kluge 1975:762). Grimm erwähnt außerdem die „Such­tel,  f., zum vb. saugen, ‘Mutterschwein’ ...“ (Grimm 1942: XX,896). Das Verbum ‘saugen’ hat sich also im Germanischen auf jeden Fall zu Worten mit ‘Sucht’ herausgebildet.

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3.1.3 'Sucht  Heil' versus 'Krankheit - Gesundheit'