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Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden

Die Macht der Trunkenheit

Das Ritual der Drogen

Rausch und Realität - Drogen im Kulturvergleich

































INHALTSVERZEICHNIS
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 1.4.3  18. Jahrhundert - Deutliche Entzugserscheinungen

1.5.1  19.Jahrhundert ‑ Neue Bezeichnung: Opiumsucht

„Der Stellenwert des Opiums als Arzneimittel in der medizinischen Praxis blieb auch nach Beginn des 19.Jahrhunderts zunächst unverändert hoch. Sein Indikationsbereich weitete sich noch mehr aus, was sicher auch auf die wachsende Zahl neu definierter Krankheiten zurückzuführen ist“ (Kreutel 1988:246). Erst ab 1870 lösten Chloral und Bromide das Opium als Schlafmittel ab (vgl. Kreutel 1988:246).

    Obwohl Gewöhnungssymptome, Toleranz (Dosissteigerungen), sowie täglicher Gebrauch bei „Opiophagen“ (chronischen Opiumessern)  nun auch im eigenen Land ‑ und nicht nur im Orient ‑ zugestanden wurden, „wurde längere Zeit um diese Opiumkonsumenten wenig oder gar kein Aufheben gemacht, zumal sie gesellschaftlich akzeptiert blieben und keine moralische Mißbilligung erfuhren“ (Kreutel 1988: 247). „Die zahlreichen Berichte über Opiumraucher oder Opiumesser wurden eher als Kuriosität denn als Menetekel betrachtet“ (Schadewaldt 1971:3591). Letztendlich überwog noch einige Jahrzehnte die positive Beurteilung.

    Dies gilt sogar für Christoph Wilhelm Hufeland (1762‑1836), der als erster den Begriff ‘Opiumsucht’ benutzte. Auch Hufeland  stand unter dem Einfluß von John Browns quasiromantischer Reiztheorie (vgl. 1.4.3 und 2.2.2). Opium galt ihm neben Aderlaß und Brechmitteln als Kardinalmedizin, alle drei seien die „Magnaten und Anführer des übrigen Streitheeres“ der Arzneien (vgl. SQ Hufeland 1836:805).

    Aber auch Hufeland fügt, wie Jones 1700 (vgl. 1.4.3), seinem Werk ein kurzes Kapitel über „Nachtheile und Gefahren“ an (daraus die im Absatz nachfolgenden Zitate, vgl. SQ Hufeland 1836:853f). Sechs Gefahren nennt er, die „gewiß größte Gefahr“ sieht er in der „täuschenden Wirkung“, die dann bei Arzt und Patienten den wahren Krankheitszustand verschleiern kann. Die sechste Gefahr nennt er „Verwöhnung“ und beschreibt sie so: „Man kann sich, bei langwierigen Uebeln, zuletzt dergestalt an den Gebrauch des Opiums gewöhnen, dass es tägliches Bedürfniss wird, auch nach gehobenem Leiden, zur Erhebung des Gemeingefühls ..., der Lebendigkeit, der physischen und geistigen Brauchbarkeit, ‑ ganz auf die nämliche Weise, wie sich der Brannt­weintrinker zuletzt an den Branntwein gewöhnt und er ihm zuletzt zum unentbehrlichen Bedürfniss wird ‑ aber auch mit der nämlichen Folge, dem Bedürfniss immer höherer Gaben ‑ die O p i u m s u c h t ‑ ganz analog der Trunksucht und ihren Wirkungen ...“ (SQ Hufeland 1836:854). Diese Passage hatte bereits wortwörtlich in einem Aufsatz von Hufeland aus dem Jahr 1829 gestanden, dem Geburtsjahr also des Begriffs ‘Sucht’, bezogen auf Drogen.

    Erwähnenswert ist, daß Hufeland auch an der Prägung des Begriffs ‘Trunksucht’ beteiligt war. Er war es, der das Vorwort geschrieben hatte zu Brühl-­Cramers Buch „Ueber die Trunksucht und eine rationelle Heilmethode derselben“, erschienen 1819  (vgl. 2.2.2), also zehn Jahre vor Hufelands erster Erwähnung der ‘Opiumsucht’. Brühl‑Cramer verwandte als erster den Terminus  ‘Trunksucht’ im modernen Sinne „und verankerte ihn hiermit fest  in die deutsche Sprache“ (Kreutel 1988:61). Hufeland schrieb damals im Vorwort: „Er [Brühl‑­Cramer] zeigt, wie die böse Gewohnheit am Ende eine eigene Krankheit, die Trunksucht, hervorbringt, welche die meiste Analogie mit der Nymphomanie hat und daher nicht unpassend Dipsomanie genannt werden könnte“ (SQ Brühl‑ Cramer 1819: IIIf).

    Der Begriff ‘Opiumsucht’ hatte allerdings nicht ganz den durchschlagenden Erfolg wie Brühl‑Cramers ‘Trunksucht’ und fand „lange Zeit keinen Eingang in den Sprachgebrauch; noch bis ins 20. Jahrhundert hinein war für die Opiumsucht der Begriff ‘chronische Opiumvergiftung’ üblich“ (Kreutel 1988:257).

    Insgesamt nahm der Opiumgebrauch im 19.Jahrhundert also noch zu (s.o.). Dies galt für die ganze Welt, insbesondere für China (ab etwa 1830). China kann hier aus Platzgründen kein eigenes Kapitel gewidmet werden, auch wenn es als Projektionsfeld für europäische Ängste vor Opium eine wichtige Rolle spielt. Der Opiumkonsum in China mit den vielen Millionen Süchtigen ist jedoch schon zur Moderne zu rechnen, da er zeitgleich mit Industrialisierung und westlicher Einflußnahme seinen Aufstieg hatte. Eine starke Zunahme des Opiumkonsums war aber auch in England zu beobachten (vgl. Kreutel 1988:247).

    Der britische Arzt Jonathan Pereira traf 1854 die Feststellung, daß „das Opium-essen in diesem Land sowohl in den unteren Schichten als auch in der Mittelklasse stark verbreitet ist“ (cit. in Sonnedecker 1963:899). Erst ab etwa 1830 mach­te sich in der englischen Öffentlichkeit und den Fachkreisen allmählich ein Umdenken in Bezug auf das Opium bemerkbar. „Dreißig Jahre später galt Opium dann allgemein als problematische Droge für die öffentliche Gesundheit“ (Kreutel 1988:247).

    Der amerikanische Pharmakologe Erward Parrishs etwa warnte 1864, daß Opiumkonsumenten „zu Opfern einer der schlimmsten Gewohnheiten werden“ können (cit. in Sonnedecker 1963:900). Der Mediziner Horace Day, ebenfalls Amerikaner, schrieb 1868 ein ganzes Buch über „The Opium Habit“ (Opiumgewohnheit), welche er einen Zustand nennt, der „schreckliche Hörigkeit für die Opfer“ bedeute. Er empfiehlt zur Kur schon besondere Anstalten für Opiumsüchtige (cit. in und vgl.: Sonnedecker 1963:900).



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