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Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden

Die Macht der Trunkenheit

Das Ritual der Drogen

Rausch und Realität - Drogen im Kulturvergleich

































INHALTSVERZEICHNIS
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2.1.4  Zusammenfassung

2.2.1  Die Pioniere ‑ Rush und Trotter

Im 18.Jahrhundert wächst das medizinische Interesse an der Trunkenheit, die Untersuchungen werden genauer. Jedoch bleibt das Diktum des angesehenen Arztes Heinrich Stromer aus dem Jahr 1531 lange Zeit weiterhin gültig, wonach Trun­kenheit eine „willige unsynnickeit“, eine freiwillig und bewußt begangene Unsinnigkeit und ein Laster sei (vgl. Spode 1993b:122).

Der Anstoß für eine veränderte Sicht auf den Alkohol „kam aus der philantropischen Reformbewegung der Spätaufklärung, in der sich religiöse und weltliche Begründungen rationaler Lebensführung verbanden“ (Spode 1993b:124). Bei Johann Kaspar Lavater findet sich neben manch tadelndem auch erstmals ein mitleidiger Blick auf den Trinker als Opfer, weil der sich so an den Alkohol gewöhnt habe, daß er „fast ohne bedrunken zu seyn, nicht mehr leben kann“ (SQ Lavater 1773:15).

Die Wiege der modernen Sicht auf die Trunksucht aber dürfte in Edinburgh stehen. „Die Universitätsstadt war ein geistiges Zentrum Europas, wo die Schule des Schottischen Rationalismus mit einer Vielzahl von Kirchen und Sekten - Quäke­r, Neocalvinisten, Presbyterianer ‑ in spannungsreicher Wechselbeziehung stand“ (Spode 1993b:126). Hier hatte der zwischen Rationalismus  und Quäkertum pendelnde Benjamin Rush (1743‑1813) aus Philadelphia studiert, der später Irrenarzt und Politiker wurde. Großbritannien, das Geburtsland der industriellen Revolution, hatte auch schon, während der Wehen um 1730, eine verheerende „Gin‑ Epidemie“ gesehen (vgl.Coffey 1982 und Abb. 9/10). Einer von Rushs Lehrern, der Quä­ker Benezet, war ein bekannter Kämpfer gegen Gin und anderen Branntwein.

Rushs Schrift „An Inquiry into the Effects of Ardent Spirits upon the Human Body and Mind ...“ erschien 1784 und wurde in den USA ‑ die gerade eine ‘Rum‑Flut’ erlebten ‑ und auch in Westeuropa sehr populär und einflußreich. Rush schrieb: „Der Konsum starker Getränke ist zunächst eine freie Entscheidung des Willens. Von der Gewohnheit [habit] wird er zur Notwendigkeit [necessity]“ (e.Ü., SQ Rush 1810:266).

Diese Auffassung von der Sucht (addiction) „als einem Mittelding zwischen Laster und Krankheit dominierte das ärztliche Wissen und vor allem das der Mäßigkeitsbewegungen beiderseits des Atlantik bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und entspricht bis heute dem Alltagswissen eines großen Teils der Menschen in den Industrieländern ...“ (Spode 1993b:127; zu Rush vgl. auch: Fahrenkrug 1984:54‑66; Levine 1982:216‑224).

Der schottische Marinearzt Thomas Trotter (1760‑1832) promovierte zur Erscheinungszeit von Benjamin Rushs Buch 1785 in Edinburgh „über die Trunkenheit und ihre Wirkungen auf den menschlichen Körper“. Viel deutlicher als bei Rush oder später bei Hufeland wird bei Trotter „der Trinker von moralischer Schuld freigesprochen“ (vgl. Spode 1993b:126). Für Trotter ist die Gier nach wiederholter Trunkenheit klar eine Krankheit (disease). In diesem Sinne ist er noch eher als Rush der Ahn einer radikal modernen Sicht auf den Alkoholismus.

Seine Promotionsschrift wird allerdings erst 1804 vom Lateinischen ins Englische übersetzt und dadurch einem breiteren Fachpublikum bekannt. Trotter nahm an, daß die krankhafte Gier nach  Trunkenheit „durch die chemische Natur alkoholischer Getränke“ hervorgerufen wird, und wie Rush empfiehlt er völlige Abstinenz des Trinkers (auch dies sehr modern) und warnt vor allem vor dem Branntwein. (Vgl. Kreutel 1988:60 und Spode 1993b:126).


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2.2.2 Die Romantiker - Hufeland und Brühl-Cramer