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Traumdeutung

Ortsfamilienbuch Reicholzheim

























INHALTSVERZEICHNIS
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 1.3.1 Berichte östlicher Ärzte um 1000

1.3.2  Berichte westlicher Reisender um 1500

Noch viel klarere Beschreibungen von Opium‑Suchtphänomenen im Orient erhalten wir rund 500 Jahre später, und zwar von europäischen Orientreisenden der frühen Neuzeit. Der Landweg in den Orient war nach vielen turbulenten Jahrhunderten wieder zugänglich, und die Portugiesen hatten einen Seeweg nach Indien gefunden (1498).

Diesen Berichten soll hier deshalb ein so großer Raum eingeräumt werden, weil in ihnen erstmals massenhafte Suchtphänomene und Entzugssymptome detailliert beschrieben werden, wenn auch durch die Augen von Männern, die man durchweg als frühe Träger der europäischen bürgerlichen Kultur bezeichnen kann: von den zehn Männern, die ich hier erwähne, war einer Apotheker (Pires), einer ‘Kaufmann und Ritter’ (Chardin), fünf waren Ärzte oder Mediziner, dazu Naturforscher (Belon) und Botaniker (Rauwolf). Zwei waren Reisende ohne erwähnten Beruf (Linschoten, Olearius), Barbosa reiste in Regierungsauftrag (vgl. Kreutel1988: 63ff, Seefelder 1990: 66ff). Drei waren Portugiesen (Barbosa, Pires und Garcia), zwei Franzosen (Belon und Chardin), drei Deutsche (Rauwolf, Olearius und Kämp­fer), einer war Niederländer (Linschoten) und einer Italiener (Prospero Alpino).

Hartwich hatte schon einige Berichte zusammengetragen (vgl. Hartwich 1911:153ff). Margit Kreutel (Kreutel 1988:63ff) hat wohl die meisten Berichte aufgespürt und erwähnt. Hier sollen die Berichte auch chronologisch geordnet vorgestellt werden.

Den Auftakt bilden die drei Portugiesen, die alle aus Indien berichten. 1. Tomé Pires schreibt 1516 aus Cochin (Südindien) an seinen König: „Opium ... ist eine bedeutende Handelsware ... Die Menschen, die es zu essen gewohnt sind, bewegen sich schlaftrunken und unbesonnen, die Augen sind gerötet, und sie sind ihrer Sinne nicht mächtig. ... es wird in großer Menge konsumiert und ist sehr kostbar“ (SQ Pires 1944:513).

2. Duarte Barbosa, der 1521 etwa 40jährig starb und im Auftrag der portugiesischen Regierung unterwegs war, „beschreibt die Folgen des Opiumgebrauchs bei den Indern so: Wenn sie plötzlich aufhörten, Opium zu essen, stürben sie. Wenn jene, die es nie gegessen hätten, es in höherer Dosis äßen, würden sie ebenfalls sterben. Daher begännen sie mit kleinen Portionen, damit es nicht schade ‑ und gewöhnten sich allmählich daran“ (Kreutel 1988:81).

3. Garcia da Orta (1501‑1568) schreibt in seinem 1563 erschienenen Buch: „Die Leute, die Opium nehmen, haben sich an dessen Gebrauch so gewöhnt, daß sie in Lebensgefahr geraten, wenn sie es entbehren müssen. ... Die übliche Dosis liegt bei 20 bis 50 Körnern ‑ in der Größe eines Gerstenkorns ‑ doch kenne ich einen Mann, der täglich zehn Drachmen Opium (ca.37 Gramm) und noch mehr ißt; obwohl er immer dumm und schläfrig zu sein scheint, spricht er dennoch äußerst gelehrt über alles ‑ soviel tut die Gewohnheit!“ (SQ Garcia 1567:30; Übers. aus d.Lat.v. Kreutel, Original siehe dort: Kreutel 1988:80).

4. Pierre Belon (1517‑1564) bereiste von 1546 bis 1549 Kleinasien, „die Heimat des Mohns“ (Belon), und meint, „es gäbe kaum einen Türken, der, wenn er nur einen Pfennig besäße dafür Opium kaufe und dies ständig mit sich herumtrage. ... Verwundert berichtet er von einem Janitscharen, der eine Drachme (3,75g) Opium verschlang, ohne dabei Schaden zu nehmen ‑ soviel tue die Gewohnheit!“ (Kreutel 1988:64f) Wenn er aber schreibt „kaum ein Türke“, so überbietet er das noch, wenn er berichtet, daß bei den Persern der Opiumgebrauch „... weit mehr verbreitet sei als unter den Türken“ (vgl. Kreutel 1988:70f).

5. Der Augsburger Arzt und Botaniker Leonhart Rauwolf (1540-1596) berichtet aus dem Mittleren Osten von schweren Entzugserscheinungen von Opium: „Wann nun einer oder mehr darmit also angefangen ..., so könden sie nit wol mehr darvon lassen, es seye denn, daß sie sich in ein kranckheit stürtzen, oder auffs wenigest jnen andere neue zufäll erregen wöllen, wie sie solches selb bekennen, wenn sie den einzunemmen etwan underlassen, daß sie sich alsdann sehr obel in leib befinden“ (SQ Rauwolf 1582:126, vgl. Material: Rauwolf).

6. Prospero Alpino (1553‑1617) bereiste Ägypten im späten 16.Jahrhundert. Er hält Opium für ein schädliches und „sehr mächtiges Gift“. Ägypter, die das Opium plötzlich absetzten, zeigten „schwer­ste Krankheits­symptome“ wie eine „äußerst widerwärtige Verfinsterung des Geistes“. Nur eine erneute Opiumgabe rette sie  (SQ Alpino 1719:256, vgl. Kreutel 1988:68f).

7. Jan Huygen van Linschoten (1563‑1611) kehrte 1592 von einer Indienreise nach Holland zurück. 1598 schrieb er in seinem Reisebericht über Opium: „Derjenige, der gewohnt ist, es zu essen, muß es täglich essen, andernfalls stirbt er und verzehrt sich selbst“ („Hee that useth to eate it, must eate it daylie, otherwise he dieth an consumeth himselfe ...“, SQ Linschoten 1885: II,113).

8. Adam Olearius, dessen erste Auflage seines Reiseberichts „nach Muscow und Persien“ wohl 1635 erschien (vgl. Seefelder 1990:66), schreibt: „Es haben die Perser ... doch ihrer gar viel im Gebrauch/ daß sie das Opium gar offt genießen/ nennen es Offiuhn, auch Tiriak ... Die sich daran gewehnet/ können  ein halb Quentin und drüber vertragen ... nur daß sie dösicht und als truncken darvon seyn wollen ... Ihre Apoteker und Materialisten haben großen Gewinst daran/ weil dessen so viel gebraucht wird“ (SQ Olearius 1671:597).

9. Jean Chardin (1643‑1713) kehrte 1677 von seiner dritten Persienreise nach Europa zurück. Er schildert: „Opium rufe die herrlichsten Phantasien hervor ... Sobald man sich aber an den Gebrauch gewöhnt habe, müsse man es immer nehmen. Werde es nur einen Tag entbehrt, so gerate man in einen solch schlechten Gesundheitszustand, daß jeder Mitleid empfinde ... Wenn die  Perser das Opium­essen plötzlich aufgeben müßten, würden sie  sicherlich in Ermangelung dessen sterben“ (Kreutel 1988:72).

10. Zum Abschluß verweise ich noch auf Engelbert Kämpfer (1651-1716), der eine auch drogenpolitisch interessante und fast märchenhafte Geschichte nacherzählt, die er in Persien gehört hat (vgl. Material: Kämpfer).

Es war also in den zehn Berichten viermal von massenhaftem Gebrauch die Rede  (bei Pires, Belon, Olearius und Kämpfer), mindestens viermal vom Toleranzphänomen der Droge (bei Barbosa, Garcia, Belon und Olearius), und siebenmal von schweren Entzugserscheinungen, wovon sogar fünf Autoren berichten, daß diese tödlich verlaufen können (Barbosa, Garcia, Linschoten, Chardin und Kämpfer, außerdem nennen Entzugssymptome Rauwolf und Alpino).

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