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 Griechenland - Die Heimat am östlichen Mittelmeer

1.1.2  Rom ‑ Das Gegengift und der Philosophenkaiser

Der griechische König von Pontus, Mithridates VI. Eupator (123‑63 v.Chr.),  entwickelte ein Gegengift: „Es setzte sich zeitweise aus 40 bis 50 Stoffen zusammen, deren wichtigster das Opium war. Seine Rezeptur gelangte in die Hände des römischen Feldherrn Pompejus (106‑48 v.Chr.), als dieser Mithridates im Jahre 66 v.Chr. besiegte, und wurde so ... Gut der römischen Materia medica“ (Kreutel 1988: 28f).

Dieses ab etwa 60 n.Chr. ‘Theriak’ genannte Gegengift erfreute sich in Rom größter Beliebtheit und blieb bis in die Neuzeit das wichtigste opiumhaltige Mittel Europas. „Manche Theriake waren unappetitliche Mischungen, die oft viele tierische Zutaten enthielten ...: Blut von Enten, Galle von Bären, Flußkrebse und so weiter“ (Seefelder 1990:45). Ursprünglich auch gegen Schlangenbisse entwickelt, wurde bald Schlangenfleisch eine seiner Hauptbestandteile (vgl. Abbildung 5).

Die Wirkung des Theriak als Gegengift beruhte auf dem vermuteten Prinzip einer allmählichen Immunisierung gegen ein Gift durch ständige Einnahme einer geringen Menge desselben. Opium und Theriak wurden natürlich auch in Rom noch als Heilmittel gegen Krankheiten gebraucht, jedoch tritt der Gebrauch als Antidot in den Vordergrund.

Die römische Gesellschaft in der Kaiserzeit war offenbar „... eine Gesellschaft, die ebenso gern mordete, wie sie Angst hatte, umgebracht zu werden“ (Seefelder 1990: 44; vgl. auch Lewin 1920!). Mithridat und Theriak „... fanden eine ungeheure Verbreitung ... viele Menschen [nahmen] dieses verwegene Gemisch tagtäglich. ... Der Wein schmeckte nicht mehr wie Wein, er schmeckte penetrant nach Opium, das der Hauptbestandteil des Antidots war“ (Seefelder 1990:44f).

„Nero soll täglich so große Mengen davon zu sich genommen haben, daß ein Ungeübter dies nicht überstanden hätte. ... Titus wird da erwähnt [bei Galen], der nur zwei Jahre auf dem Thron saß und möglicherweise einer Überdosis von Opium zum Opfer fiel, dann Nerva, Trajan, Hadrian. Von Hadrian sagt man, er habe den Kummer über den Freitod seines über alles geliebten Knaben Antonious im Opium‑Rausch eingeschläfert“ (Seefelder 1990:46f).

Seefelder meint, daß es sich „... schlicht um Opium‑Sucht handelte, der die römische Gesellschaft mehr und mehr verfiel“ (Seefelder 1990:45). Jedoch: „Bemerkenswert bleibt, daß trotz des ausgiebigen Gebrauchs von Theriak kaum ein Fall von Sucht oder Abhängigkeit beschrieben wird“ (Kreutel 1988:29).

Ein Beispiel gibt es immerhin für Opiumabhängigkeit in Rom, das einer genaueren Betrachtung wert ist: den Fall des römischen Kaisers Marc Aurel (121‑ 180, siehe Abbildung 3).

Marc Aurels Arzt war der große Galen (129‑199), griechischer Arzt in Rom, der Begründer der Säftelehre und wohl bis in die Neuzeit der einflußreichste Medizinlehrer. Er schreibt über seinen kaiserlichen Patienten: „Von Antoninus [Marc Aurel] wissen wir, daß er es [den Theriak] zu seiner Immunisierung täglich in der Menge einer ägyptischen Bohne einnahm ... Als es sich dabei ergab, daß er über seinen täglichen Geschäften benommen einnickte, ließ er den Saft des Mohns weg. Das hatte wiederum, wegen der vorherigen Gewöhnung, die Folge, daß er den größten Teil der Nacht schlaflos blieb, da seine Konstitution eher trocken war und er ein trockenes Mittel seit langem einnahm. Darum sah er sich gezwungen, auch vom Opiumhaltigen wieder zu nehmen“ (cit. in Seefelder 1990:50f).

War Marc Aurel ein Süchtiger? „Der Kaiser hat immer den Ruf gehabt, ein großer stoischer Denker gewesen zu sein ... Er gilt eher als ein Philosoph denn ein militärischer Führer. ... Aus seiner Lebensgeschichte wissen wir, daß, während er sich im Feldlager aufhielt, seine Gattin Faustina in Rom das liederlichste Leben führte. ... Indes, diese Nachrichten schienen den Kaiser kaum zu berühren. Half da nun die ‘stoische Ruhe’ des Philosophen oder haben wir es mit der Stumpfheit eines Opiumsüchtigen zu tun?“ (Seefelder 1990:51).

Africa, ein amerikanischer Historiker, der den Fall Marc Aurels am genauesten untersuchte, glaubt es: „Das Zeugnis seines Arztes und seine eigenen Tagebücher legen nahe, daß eine Mauer von Narkotika den Kaiser von familiären Problemen und allen, außer öffentlichen, Schwierigkeiten abschirmte“ (e.Ü., Africa 1961:97).     Dio Cassius berichtet vom Donau‑Feldzug des Kaisers: „Er konnte die Kälte nicht ertragen und auch nicht, zu den versammelten Truppen zu sprechen, und er aß sehr wenig, und nur nachts. Während des Tages nahm er nichts zu sich außer der Droge, die Theriak genannt wird ... Man sagt, daß diese Gewohnheit es ihm möglich machte, diese und andere Dinge zu ertragen“ (e.Ü. ‘Dio 71.6.3‑4’,  cit. in Africa 1961:99).

Africa glaubt, daß eine starke Introvertiertheit und ein großer Weltekel Ursache für des Kaisers Sucht gewesen sind. Er gibt Auszüge aus Marc Aurels Tagebüchern wieder (alle Zitate und Kurz-Quellennennung in: Africa 1961:100, e.Ü.).

Marc Aurel schrieb, die Summe allen Lebens sei ein „schmutziges Badewasser“ (MA VIII.24). „Beeile dich, Tod, sonst vergesse auch ich mich“ (MA IX.3). „Falsch­heit, Krieg, Angst, Betäubung und Sklaverei haben meinen heiligen Glauben zerfressen“ (MA X.9). Marc Aurel „lag oft verzweifelt im Bett“ (MA X.28), „der Schlaf war eine willkommene Zuflucht für den inneren Flüchtling“ (Fronto ad Caes. I.4), „der es haßte, aufzustehen, weil er der warmen Bettdecke den Vorzug gab davor, lasterhafte und vulgäre Menschen treffen zu müssen“ (vgl. MA V.1 und II.1).

Marc Aurels „von Galen überlieferte ‘Krankengeschichte’ [ist] die erste und eventuell einzige eines Opiumabhängigen in der Antike“ (Kreutel 1988:32).

Unter Marc Aurels Adoptivsohn und „Nachfolger Commodus brach der Drogenmarkt zusammen, weil der neue Kaiser den Theriak grundsätzlich ablehnte“ (Seefelder 1990:51) und ihn verbot. Vielleicht deshalb, weil er die Wirkungen der Droge an seinem Adoptivvater hatte studieren können. Commodus’ Nachfolger Severus dann „gab Opium für den allgemeinen Gebrauch“ wieder frei (vgl. Seefelder 1990: 52).

Wie es schon vorher um den Opiummarkt bestellt war, verdeutlicht ein Zitat von Scribonius Largus aus dem 1.Jahrhundert n.Chr. „Allein die Zunft der Gewürzhändler hatte sechs Untergruppen, von denen mindestens zwei mit Opium handelten: die ‘pigmentarii’ und die ‘unguentarii’, also die Farb‑ und die Salbenhändler. Aber gerade diesen pigmentarii war nicht zu trauen. Jedenfalls sagt Scribonius Largus dazu: „Es ist wichtig, echtes Opium zu verwenden, das aus der Milch des Mohns gewonnen wird, nicht aus dem Saft der Blätter, wie es die pigmentarii des Gewinnes halber tun“„ (Seefelder 1990:43).

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