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Traumdeutung

Ortsfamilienbuch Reicholzheim
































INHALTSVERZEICHNIS
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2.2.1 Die Pioniere - Rush und Trotter

2.2.2  Die Romantiker ‑ Hufeland und Brühl‑Cramer

Für den eigentlichen Vater des Gedankens eines pathologischen Zwanges zum Trinken halten viele den Deutschen Christoph Wilhelm Hufeland (1762‑1836; vgl. 1.5.1). Dieser war „ein typischer Vertreter jenes im Geiste des aufgeklärten Pietismus erzogenen, gemäßigt reformerischen Bildungsbürgertums, war einer der angesehen-sten Ärzte in Europa“ (Spode 1993b:124). Und er stand „unter dem Einfluß der romantischen Medizin“, unter anderem den deutschen ‘Brownianern’ (vgl. Spode 1993b:126; und 1.5.1 und 3.3 hier). 

In seinem 1796 erstmals erschienen Buch „Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ schrieb er: der Branntweintrinker sei ein „Unglücklicher“, denn er sei auf einem Wege, der „ohne alle Rettung“ ins Verderben führe, und der auch bei anfangs mäßigem Genuß „immer mehr nothwendig“ mache (vgl. SQ Hufeland 1823:204f).

Auch der Berliner Arzt Ludwig Formey schrieb, im selben Jahr 1796: durch Gewöhnung werde das „berauschende Gift“ ein „nothwendiges Bedürfnis“ und der Trinker suche „seinen Trieb nach diesem schädlichen Getränke zu befriedigen“ (vgl. SQ Formey 1796:76,78). „Steter Branntweinkonsum wird hier expressis verbis zu einem unkontrollierbaren Trieb und dieser zu einer den individuellen wie den sozialen Körper in seinem Bestand bedrohenden Krankheit. Hufeland und Formey bleiben allerdings schwankend, ob dieses notwendige Bedürfnis nicht auch ein Laster sei“ (Spode 1993b:125).

Schon 1802 wird Hufeland eindeutiger und beschreibt den Alkohol als „ein ‘schleichendes Gift’, das zunächst die ‘Organisation’ von Gehirn und Nerven zerstört und damit den Willen, die Moralität, die Fähigkeit zur Selbstkontrolle“ (vgl. Spode 1993b:125). Der deutsch‑russische Arzt Carl von Brühl‑Cramer (gest.1821) führte dann 1819 den Begriff der Trunksucht ein, das Vorwort zu seinem Buch schrieb Hufeland (vgl. 1.5.1).

Brühl‑Cramer stellt in seiner Einleitung die Frage, ob „die Trunksucht ein Gegenstand der Pathologie ... sey“ und kommt zu dem Schluß: ja, denn sie ist „ein unwillkürliches Uebel, folglich eine Krankheit, und nicht in einer Verletzung der Moralität, wie man gewöhnlich zu glauben geneigt ist, begründet“ (vgl. SQ Brühl‑Cramer 1819:o.S.).

„Zu dieser Erkenntnis führten Brühl‑Cramer vor allem die Aussagen der Trunksüchtigen selbst, die lebhaft fühlten, wie entehrend und schädlich ihr Tun sei“ (Spode 1993b:128). Sie versicherten, „daß es ein mächtiger und unüberwindlicher Trieb, ein Drang sey, der sie zum Genuß des Branntweins führe, und äußerste Quaal, wenn er nicht befriedigt würde“ (SQ Brühl‑Cramer 1819:o.S.).

Brühl‑Cramers Werk wurde zu einem Standard‑Lehrbuch, die zehnte Auflage erschien noch 80 Jahre später, 1899. Von den Verlaufsformen der Trunksucht, wie sie Brühl‑Cramer beschrieb, läßt sich vieles „in späteren Typologien unschwer wiederfinden: von den ‘Quartals‑‘ und ‘Spiegel‑Säufern’ bis hin zu Jellineks Alpha‑ Epsilon‑Schema“ (Spode 1993b:128).

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