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Traumdeutung

Ortsfamilienbuch Reicholzheim









INHALTSVERZEICHNIS
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A. Medizin und Devian (Opium)


B. DIE BÜRGERLICHEN WERTE  (Alkohol) 

Beim Alkohol liegen die Dinge ein wenig anders. Hier wurden vereinzelt Entzugssymptome beschrieben, häufiger Fälle von exzessivem Trinken genannt und auch Warnungen vor zu starkem Trinken ausgesprochen ‑ nicht aber vor Trunksucht im modernen Sinne (vgl. 2.1). Wie schon in der Einleitung erwähnt, kennzeichnet die modernen Theorien über die Krankheit ‘Sucht’ vor allem eine Gemeinsamkeit: ein Verlust der Kontrolle, der den Betroffenen in einer Art zwang­hafter Selbstschädigung in seinem Konsumverhalten fortfahren läßt.

Für das historische Fehlen einer Wahrnehmung von Sucht im modernen Sinne gibt der beachtliche Historiker Hasso Spode die wohl plausibelste Erklärung (vgl. 2.2), wobei er im wesentlichen auf Thesen von Elias, Foucault und anderen zurückgreift, die hier nicht im Detail wiedergegeben werden können.

Knapp formuliert, haben nach Elias der ‘Zwang zur Langsicht’ ‑ also der Zwang, immer komplexere Gedanken und Handlungen auszuführen ‑ und der ‘Zwang zum Selbst­zwang’ ‑ also die immer mehr verinnerlichten Regeln statt der im Feudalismus bestehenden rigiden äußeren Zwänge, deren Akzeptanz auf grausamen Strafen beruhte ‑ mit der Entwicklung der ‘freien Stadt’ und des Bürgertums eine nie gekannte Intensität erreicht. Es ist verblüffend, daß dann der Durchbruch der modernen Suchttheorie fast zeitgleich mit dem Beginn der Herrschaft der Bourgeoisie nach der französischen Revolution von 1789 erfolgte.

Der ‘Zwang zur Langsicht’ beinhaltete einen zunehmenden Zwang zur Nüchternheit, der auch dem Denken des Bürgertums in notwendig wichtiger gewordenen Kategorien von Kalkulierbarkeit und Profit entsprach (vgl. 3.2.2). Be­rauschtheit wurde hier zunehmend als störend, später ‑ nach dem eigenen Verzicht ‑ auch als bedrohlich empfunden.

Der ‘Zwang zum Selbstzwang’ mündete in eine verschärfte Selbstkontrolle der eigenen Affekte. Auch hier wurde die Freisetzung unterdrückter Affekte im Rausch gefürchtet. Projiziert wurden die unterdrückten Affekte dann wohl auf die Substanz, Alkoholika wurden von einer „guten Gabe Gottes“ zum „Dämon Alkohol“ (vgl. Fahrenkrug 1984:83ff).

So ist es zu erklären, daß der ‘loss of control’ ‑ der Kontrollverlust gegenüber der Substanz oder dem eigenen Rauschmittelkonsum ‑ nach wie vor das Kernthema moderner Suchttheorien ist. Dieser Kontrollverlust wird auch von vielen Betroffenen als solcher erlebt ‑ die Macht des verinnerlichten Dämons ist auch beim süchtigen Bürger groß. Kommt dieser der Konsens gewordenen Forderung nach ‘kontrolliertem Trinken’ nicht nach, ist das Erlebnis der eigenen Devianz oft niederschmetternd.

Dabei ist es unerheblich, ob die bürgerliche Affekt‑Projektion zutrifft, ob also die zu kontrollierenden Affekte durch Rauschmittel befreit oder nicht doch eher gedämpft werden. Der Sinn einer Projektion liegt nicht in einer getreuen Wiedergabe des Bildes ‑ sie verzerrt es zumeist.

Die Überlegungen von Spode werden auch von Legnaro geteilt, der allerdings den Akzent eher auf die frühe Neuzeit setzt und so die damals plötzlich zahlreich auftauchenden Druckschriften gegen Trunkenheit erklärt (vgl. Legnaro 1982a, 1982b).

Allerdings dürfte der Zwang zur Selbstkontrolle mit der Entwicklung des Bürgertums nur stark zugenommen und auch vorher schon existiert haben. Es gab zwar, vor allem im mittleren Feudalzeitalter, einen starken Fremdzwang, eine Existenz von sozialen Gemeinschaften ist dennoch ohne Selbstkontrolle m.E. nicht vorstellbar.

Bei Tieren regelt das vielleicht noch der Instinkt, aber schon Naturvölker sind auf Langsicht und Selbstkontrolle angewiesen, um zu überleben (Wetter, Verhalten des Jagdwildes, Pflanzenvielfalt, Notwendigkeit von Teamwork, Muskelkontrolle bei der Jagd). Chronisch exzessiver Rauschmittelkonsum könnte da leicht zum Untergang einer vormodernen Kultur führen.

Und für die Zukunft gilt das Gleiche: der ‘Zwang zur Langsicht’ dürfte sich eher noch erhöhen, betrachtet man ökologische Schäden, ‘Bevölkerungsexplosion’, zunehmende Technisierung und die ungewisse Zukunft des immer stärker und komplizierter industrialisierten Menschen. Es besteht kaum eine Chance, daß man in Zukunft auf den Suchtbegriff verzichtet, wie unwissenschaftlich er vielleicht sein mag (vgl. Scheerer 1995:119).

Um die im Titel gestellte Frage nun einmal zu beantworten, würde ich die (Rausch­mittel‑)Sucht auch nicht als eine „Erfindung“ der Moderne bezeichnen wie Spode (vgl. Spode 1993a:158), und auch nicht als eine „Entdeckung“ wie Levine (vgl. Titel von Levine 1978 und 1982a). Vielmehr sollte man Sucht als eine Entwicklung der bürgerlichen Moderne betrachten, so wie sich Bürgertum und Moderne selbst in einem geschichtlich evolutionären Hegelschen Sinne ‘entwickelt’, allmählich in einer inneren Dynamik des geschichtlichen Prozesses ‘ausentwickelt’ (evoluere), man könnte auch sagen ‘ausgewickelt’ haben. Der heutige Suchtbegriff scheint geradezu untrennbar verbunden mit der Entwicklung des Bürgertums und der modernen Welt, wie wir sie heute kennen.

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C - Das autonome Individuum